Ausgabe: 5/1999, Seite 44  

GUTENBERG SCHLÄGT ALLE ...

bdw-Expertenumfrage zu den wichtigsten Erfindungen dieses Jahrtausends. Der vor 544 Jahren erfundene Buchdruck ist nach Meinung von führenden Technologie-Experten die bedeutendste Erfindung des 2. Jahrtausends. Überraschend gut schneidet das Internet ab.

Wolfgang Hess
 

Im Herbst 1997 veröffentlichte die US-Zeitschrift Life eine Sonderausgabe zu den 100 wichtigsten Ereignissen, die das 2. nachchristliche Jahrtausend prägten. In diesem von zwei Dutzend Fachredakteuren zusammengetragenen, über Monate recherchierten und in oft „stürmischen Treffen“ (Originaltext Life) aufgestellten Ranking belegte Galilei mit seinem Kampf für das kopernikanische Weltbild und gegen die Kirche („Und sie bewegt sich doch“) Platz 5. Auf dem 4. Rang landete die Dampfmaschine und das dadurch ausgelöste Maschinenzeitalter. Noch wichtiger stufte das Life-Gremium Luthers Thesenanschlag an der Wittenberger Schloßkirche von 1517 ein. Platz 2 wurde Christoph Kolumbus für die Entdeckung Amerikas zugesprochen. Rankingbester wurde Meister Gutenberg mit der ersten gedruckten Bibel von 1455.
Der Buchdruck und die Dampfmaschine stehen weltweit immer ganz vorne, wenn es darum geht, die wichtigsten Erfindungen zu benennen, die heute noch die Menschheit prägen. Das beweist auch die soeben abgeschlossene Expertenumfrage, die von bild der wissenschaft initiiert wurde. 108 ranghohe Wissenschaftler, Forschungspolitiker, Technologiemanager, PR-Chefs von führenden Forschungsinstitutionen und Hochschulen sowie angesehene Wissenschafts- und Technikjournalisten haben uns ihre persönliche Liste übermittelt. Insgesamt angeschrieben wurden 163 Fachleute.
Die alles andere überragende Erfindung ist auch bei der bild der wissenschaft-Umfrage der Buchdruck. Auf den Plätzen 2 bis 5 folgen: Computer, Dampfmaschine, Transistor und Automobil. Auf Rang 16 taucht bereits das Internet auf – und landet damit im Meinungsbild der Befragten noch vor so geläufigen Erfindungen wie Kompaß, Laser, Schießpulver oder dem mechanischen Uhrwerk.
Anders als bei der Life-Rangliste, die nach ausführlichen Experten-Diskussionen zustande kam – gleichwohl nicht unanfechtbar ist –, ist die Grundlage des bdw-Rankings eine schriftliche Befragung. Wir akzeptieren, wenn uns ein Wissenschaftler vorhält, daß man der wahren Bedeutung von Einzelerfindungen nur dann gerecht werden kann, wenn man sie „in den gesellschaftlichen Kontext stellt“. Andererseits sind Meinungsumfragen ein legitimes Mittel, um Auffassungen der Gesellschaft zu dokumentieren. Und immerhin handelt es sich bei den Antwortenden um Frauen und Männer, die sich von Berufs wegen mit Erfindern und Erfindungen befassen. Ihrer Auffassung kommt daher besonderes Gewicht zu.
Auf unsere Frage „Was waren für Sie die 10 bis 15 wichtigsten technischen Erfindungen im 2. Jahrtausend nach der Zeitenwende?“ konnte in drei Katagorien geantwortet werden:
überragende Erfindungen
sehr wichtige Erfindungen
bedeutende Erfindungen.
Die von den befragten Experten vorgenommene qualitative Einstufung wurde von bild der wissenschaft quantifiziert: Für überragende Erfindungen vergaben wir vier Punkte, für sehr wichtige Erfindungen zwei Punkte und für bedeutende Erfindungen einen Punkt. Fraglos sind die Antworten subjektiv eingefärbt: Für den Bayer-Forschungs-Vorstand, Pol Bamelis, gehört der Kunstdünger zu den überragenden Erfindungen, nicht aber das Telefon, das für den Telekom-Vorstand Gerd Tenzer ganz vorne mit dabei ist. Für den Siemens-Forschungsvorstand Claus Weyrich steht der Dynamo ganz vorne. Nobelpreisträger Gerd Binnig, der Erfinder des Rastertunnelmikroskops, wiederum zählt das Mikroskop zu den herausragenden Erfindungen, Ex-BMW-Vorstand Wolfgang Reitzle das Automobil. Doch alle sind sich völlig einig: Buchdruck und Dampfmaschine führt jeder von ihnen in seiner Top-Liste.
Bemerkenswert: Während von diesen fünf Forschungschefs lediglich einer den Computer ganz vorne einreihte, gaben ihm 8 der 13 für Wissenschaft und Forschung zuständigen Minister und Ministerinnen einen Top-Platz.
Von besonderem Interesse ist natürlich, was Deutschlands oberster Dienstherr über die Patente hierzu zu sagen hat. Für den Präsidenten des Deutschen Patentamts, Norbert Haugg, sind die überragenden Erfindungen: Buchdruck, Dampfmaschine, Funk und Fernsehen, Glühlampe, Transistor und Computer, Gen- und Mikrobiologie, Raumfahrt. In die Kategorie „sehr wichtig“ stufte er Internet, Kunststoffe, Laser, Röntgenbilder und das mechanische Uhrwerk ein.
Umfrageergebnisse sind Zeugnisse spontaner Einfälle. Manche der notierten wichtigsten Erfindungen sind deshalb in Wahrheit Entdeckungen: Die Kernspaltung fällt ebenso unter diese Kategorie wie Röntgen. Bemerkenswert ist, daß sich die Eisenbahn bei der bdw-Umfrage nicht plazieren konnte. Das Flugzeug kam auf Rang 35. Und selbst das Automobil rangiert erst nach dem Transistor.
Bis auf einen Teilnehmer an unserer Umfrage kreisen die Antworten stets um den gleichen Rahmen. Der Pressereferent der Universität Dortmund präsentierte dagegen eine Liste, die aus demselben deutlich herausfällt. Für ihn stehen Brille, Cembalo, Fahrrad und Regenschirm ganz oben, gefolgt von Hörgerät, Zahnbohrer, Destillator und Eismaschine. Kann es sein, daß sich hier einer absichtlich ausgesprochen antizyklisch verhalten wollte?



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